BLAUE STRÖMUNG

zum Geistigen in der Kunst heute

von Michael Evers

Angesichts des heute herrschenden Materialismus verändert sich der Auftrag der Kunst. Unter der Macht des äußeren Scheins, der das Leben beherrscht, stellt sich die Frage nach der Innenwelt des Menschen neu. BLAUE STRÖMUNG ist eine Ausstellung von Künstlern, die antimaterialistisch gestimmt sind und sich in der heutigen, von säkularen Leitbildern geprägten Kultur wieder dem Geistigen zuwenden. Die Idee des Projekts ist, Zeichen der Transzendenz in der Produktion aktueller Künstler zu zeigen.

Die heutige technologische und auf Gewinn und Fortschritt gerichtete Mentalität ist die Ursache für die fortschreitende globale Naturzerstörung. Tief greifende Krisen haben die Gesellschaften erfasst, Krisen, die tatsächlich nur durch einen Bewusstseinswandel im kulturellen, geistigen Überbau überwunden werden könnten. Materialismus und Rationalismus, von denen unser Leben beherrscht wird, bewirken bei vielen Menschen ein sinnentleertes Seinsgefühl. Durch den Sturz der Metaphysik hat sich eine Kultur etabliert, die nur auf das Diesseitige fixiert ist. Das tiefere Potenzial, das der Kunst innewohnt, wird in der heutigen Welt vergessen.

Doch untergründig zeigt sich das Bedürfnis nach dem Geistigen. Kunst ist die Suche nach den verborgenen Potenzialen der Seele. Sie wirkt als transformatorische Kraft, die jedem Menschen zur Verfügung steht. Die Kunst hat Anteil an zwei Welten, sie steht zwischen Materie und Geist in der Mitte. Deswegen ist sie das Feld, auf dem der Übergang von einem materialistischen zu einem geistigen Seinsverständnis vollzogen werden kann.

Wenn die Kunst wieder als eine Ausdrucksform des Menschen ins Blickfeld kommt, in der sich Transzendenz manifestiert, ist es auch sinnvoll, frühere oder verwandte Bestrebungen zu sichten, um daran anzuschließen. Wir sehen europäische Traditionen und Quellen, aus denen, im zeitgemäßen Dialog mit den spirituellen Strömungen aller Weltkulturen, zeitgenössische Kunst inspiriert wird. Es gibt Denkansätze, an die sich wieder anschließen lässt. Unsere Perspektive erweitert sich für eine interkulturelle Spiritualität. Da die Globalität der Kunst inzwischen selbstverständlich ist, soll hier speziell auch auf die metaphysischen Traditionen der europäischen Kultur hingewiesen werden, ohne dabei eurozentrisch sein zu wollen. Die Blaue Blume der Romantiker ebenso wie der Blaue Reiter des Expressionismus sind die Vorbilder. Nicht als Stil, sondern als Haltung wirkt der Geist der deutschen Romantik bis heute fort.

Jede Kunst ist in ihrer Tiefe transzendent, denn sie ist viel mehr eine Sinnsuche als eine Geschmacksfrage. Ein neues Denken will entstehen. Wir überschreiten das materialistische Weltbild und erheben uns in der Kunst über die Zwänge der Materie. Befreit von den Gesetzen seiner Natur, „spielt“ der Mensch; er macht die Erfahrung des Schwebens. Das Kreative im eigentlichen Sinne ist ein Akt aus der Seele, aus dem transzendenten Kern. Das Zentrum des inneren Menschen ist geistig, da der Mensch ein Mikrokosmos ist, eine autonome Welt, die sich entfalten will. So gesehen liegt es nahe, in der Kreativität einen Bewusstseinsprozess zu sehen. In Kunstwerken sind Ideen verkörpert, die in uns Erinnerungen auslösen an die Einheit, die in der Tiefe allem Sein zu Grunde liegt.

Kunst als Praxis des Bewusstseinswandels ist ein alchemistischer Prozess, in dem Transformation erlebt werden kann. Eine Kunst, die nicht den Anspruch und die Hoffnung hat, eine Wechselwirkung zwischen Materie und Geist zu sein, ist nur Unterhaltung. In diesem Zusammenhang ist der Gedanke wichtig, dass der Begriff der Transzendenz auf die Überschreitung des egozentrischen Subjektivismus abzielt. Die Verwandlung äußerer Materialien und Formen spiegelt Wandlungsprozesse des Bewusstseins in der Tiefe.

Die Kunst, als Alchemie verstanden, macht Seelenprozesse sichtbar und fördert sie. Die Objekte der Außenwelt sind Bilder der Innenwelt, künstlerische Gestaltung und Selbsterkenntnis sind eine Einheit. Im kreativen Prozess kann das Objektive sich im Subjekt aussprechen. Das künstlerische Material ist wesenhaft und substanziell, es geht um das Erkennen der geistigen Kräfte und Ideen in der Sinnlichkeit der Physis. Leben und Gestalt sind naturwissenschaftlich nicht begründbar. Die Natur ist eine Einheit aus Stoff und Form, alles ist beseelt.

Im Mythos bindet sich die künstlerischen Arbeit an überpersönliche Ideen und Energiefelder. In der leisen Stimme der Intuition öffnet sich die Sphäre des Objektiven im Subjektiven. Durch die Tiefenwirkung mythischer Bilder treten wir, ohne Zwischenschaltung des Verstandes, mit dem archetypischen Grund des Seins in Verbindung. Wir fühlen eine Poesie, die von etwas anderem zeugt als dem nur Irdischen; wir erleben eine Semantik, in der sich neben dem Rationalen auch die chaotischen, unbeherrschbaren Seiten unseres Lebens Geltung verschaffen. Archetypen sind Kräfte und Bilder im Unbewussten, sie führen den Menschen zu seinem wahren Wesen.

Diese künstlerische Suche wird nicht eingeengt durch favorisierte künstlerische Formen, sondern grundsätzlich soll die Vielfalt individueller Strategien befragt werden. Nicht Innovation und Erweiterung sind das Leitbild, sondern eine Qualität, die mit „Initiation“ angedeutet werden kann. Die Kunstrevolution beginnt nicht auf dem Feld der sinnlichen Erscheinungen, sondern in den Ideen. Der Eigenwille der Kunst ist unaufhaltsam.
BLAUE STRÖMUNG ist ein langfristig angelegtes Projekt, das für weitere Künstler, Kunstwissenschaftler und Philosophen offen ist, die sich mit dieser Idee verbinden wollen. Das Projekt ist weiterhin als eine Forschungsarbeit zu verstehen, in dem Sinne, dass die sinnliche Präsenz der Kunstwerke durch einen Dialog in Form von Symposien ergänzt werden soll. Wir erhoffen uns einen Diskurs im Kontext von Kunst, Wissenschaft und Transzendenz.