Rede von Karin Weber anlässlich der ersten Ausstellung der Blauen Strömung am 7.11.2014 im Neuen Sächischen Künstlerverein in Dresden.

Es ist kein Zufall, dass sich Andreas Bromba, Michael Evers, Raimer Jochims, Meta Keppler und Martin Weyers dazu entschieden, ihr künstlerisches Manifest mit einer Ausstellung unter dem Titel „Blaue Strömung“ in Elbflorenz zu proklamieren. Dresden war sowohl der Wirkungsort des Romantikers Caspar David Friedrich im 19. Jahrhundert als auch der Künstler der „Brücke“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bewusst knüpfen sie an die von ihnen entwickelten Ideen an – auch an die von Wassily Kandinsky, der 1912 sein Essay „Das Geistige in der Kunst“ veröffentlichte – und transformieren diese Gedanken in die Gegenwart.

„Ein Bild muß nicht erfunden, sondern empfunden sein“, war der Leitsatz Caspar David Friedrichs. Anstelle allgemeinverbindlicher, ästhetischer Regeln wurde das Gefühl zum Gesetz der Kunst erhoben. Persönliche Stimmungen angesichts von Natur waren Inhalt der Bilder, die Caspar David Friedrich nicht etwa als künstlerische Leistungen, sondern als Selbstbekenntnisse und Erkenntnisse verstand. Kennzeichnend für die Romantik war demzufolge eine pantheistische Verklärung der als Schöpfung verstandenen Natur, zu der der Mensch in Beziehung gesetzt wird. Gegenüber dem Rationalismus der Aufklärung, plattem, prosaischem Nützlichkeitsdenken, einem unersättlichen Fortschrittsglauben, gewannen Gefühl, Phantasie und Intuition an Bedeutung, der Seele Klang, das Geheimnis und das Mysterium der Welt. Die erlebte Diskrepanz zwischen den Idealen des Fortschritts und der Humanität, der „heroischen Illusion“ der Klassik und der niederdrückenden gesellschaftlichen Realität waren einfach zu groß. Das Empfinden des einzelnen Menschen, der sich in die kosmischen Bewegungen, in das ewige Werden und Vergehen der Natur einbezogen fühlte, wurde zum Ausgangspunkt des allgemeingültigen Welterlebnisses und der Künstler selbst und die schöpferische Freiheit wurden zum Maß der Kunst erhoben. Getrieben von der unstillbaren Sehnsucht nach dem Wunderbaren, wofür die „blaue Blume“ ein Symbol wurde, suchten die Romantiker im Endlichen den Abglanz des Unendlichen „zwischen Heimweh und Fernweh hin- und hergerissen“. Die irrationale Sehnsucht nach Heilung der Welt, nach der Zusammenführung von Gegensätzen zu einem harmonischen Ganzen, nach Gemeinschaftlichkeit wurde zu einer treibenden Kraft.

„Die blaue Blume ist das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es Gott, Ewigkeit oder Liebe.“ Die Expressionisten strebten voller Empathie nach leidenschaftlichem ekstatischem Ausdruck, das Innere formal sichtbar zu machen wie einen Schrei. Wir leben in einer mit der damaligen Zeit vergleichbaren Gegenwart der Widersprüche, in der das Wertesystem in Unordnung geraten ist, in der sich der Mensch in einer von Technologien beherrschten, technisierten, medial vernetzten, immer undurchschaubarer werdenden, von Krisen geschüttelten Welt zu verlieren droht. Der alttestamentarische Tanz um das Goldene Kalb geht weiter und gebiert Ungeheuer. Was liegt näher, als die Suche nach dem Wesen Mensch, das phantasiebegabt seine Träume zu leben versucht, sich seine Zukunft auszumalen vermag, an Wunder glauben möchte und seiner Sehnsucht nach Harmonie und Einklang mit der Natur erliegt. Wassili Kandinsky war davon überzeugt, dass jede Form einen inneren Klang besitzt. „Alles hat eine geheime Seele, die öfter schweigt als spricht … auch jeder ruhende und jeder bewegte Punkt (Linie).“

Diesem inneren Klang der Weltseele nachzuspüren, Magie und Kunst wieder eine Einheit werden zu lassen, das Innere dem Äußeren entgegenzusetzen, den universellen Energien, die mit der Wahrnehmung von Farben und Formen mitschwingen, wieder Aufmerksamkeit zu schenken im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, haben sich Andreas Bromba, Michael Evers, Raimer Jochims, Meta Keppler und Martin Weyers verschrieben. Es eint sie kein Stil, sondern eine Welt-Anschauung und Welt-Durchdringung, die dem Geistigen in der Kunst eine besondere Stellung zukommen lässt. Sie sehen sich in einer Traditionslinie, die von der Antike über die Romantik bis zum „Blauen Reiter“ reicht und regen zu einer zwingend notwendigen Diskussion über die Aufgabe und die Stellung von Kunst in der heutigen Gesellschaft an, um Visionen von einer dem Humanismus verpflichteten Welt zu ermöglichen.

Die Macht von Bildern ist groß und ungebrochen, ebenso die Macht von Worten. Blau ist die Farbe der Transzendenz, des Himmels und des Wassers, des Vertrauens und der Erinnerung … So entspricht der Titel „Blaue Strömung“ einem Gleichnis, dem lebendigen Fluss von Vergangenem im Gegenwärtigen mit Sicht auf Zukünftiges. Es ist ein Geschenk, wenn uns Künstler den Glauben an Wunder in unserer zweckorientierten Gegenwart zurückgeben können und damit kreativer Phantasie wieder Raum geben …

Karin Weber

Die Künstlergruppe der Blauen Strömung ist sehr dankbar, Frau Karin Weber als Kuratorin der Blauen Strömung gewinnen zu können. Sie hat mit viel Energie und Leidenschaft das Zustandekommen der Auftaktveranstaltung in der Galerie des Neuen Sächsischen Kunstverein e.V. (KUNSTRAUM Dresden) im November 2014 initiiert.

Karin Weber war von 1984 bis 1994 Leiterin der renommierten Dresdner GALERIE MITTE und ist seit 1994 Inhaberin dieser Institution. Außerdem ist Frau Weber Kunstwissenschaftlerin und ehrenamtliches Mitglied der Kunstgutkommission des Freistaates Dresden – geballte Kunstkompetenz und ein gutes Netzwerk haben die erste erfolgreiche Ausstellung der Blauen Strömung möglich gemacht!

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